«Lasset eure Kinder Menschen werden und hindert sie nicht, sondern seid ihnen liebreich förderlich zur besten Erhaltung aller ihrer Anlagen. […] Dies gilt für alle Zeiten, alle Stände wie für jedes Geschlecht.»
Caroline Rudolphi
In: Gemälde weiblicher Erziehung, Bd. 1 (1807)
Wer war Caroline Rudolphi?
Caroline Rudolphi (1753–1811) war Dichterin, Schriftstellerin und Leiterin eines Mädcheninstituts in Billwerder, Hamburg-Hamm und Heidelberg. Als Pionierin der Frauenbildung war sie keine radikale Kämpferin, sondern eine strategische Ermöglicherin. Sie nutzte Religion, Erziehung und Dichtung als akzeptierte Räume weiblicher Selbständigkeit. Das inspiriert bis heute.
Alles Leben strömt aus dir
Caroline Rudolphis Vernetzung im geistigen Umfeld der Aufklärung trug zur Bekanntheit ihrer Texte bei. Ihr 1787 erschienenes, neunstrophiges Gedicht «An Gott» wurde im gleichen Jahr von Johann Georg Witthauer und 1790 von Adam Hiller vertont. 1825 reduzierte der Schweizer Komponist Johann Heinrich Tobler (1777–1838) in seiner Vertonung den Text auf vier Strophen. Die «Ode an Gott» mit dem Liedanfang «Alles Leben strömt aus dir» wurde zwischen 1877 und 1997 jeweils vor Beginn der Appenzell-Ausserrhoder Landsgemeinde in Trogen und Hundwil von den unter freiem Himmel versammelten Menschen gesungen; begleitet von Blasmusik und angeleitet vom Kantonaldirigenten des Sängervereins. Seither heisst das Lied «Landsgemeindelied», manchmal auch «Appenzeller Landsgemeindelied». Die Dichterin wurde 1988 auf den Notenblättern erstmals genannt – gleichzeitig mit der Veröffentlichung der Version des Liedes für Gemischten Chor, arrangiert von Albrecht Tunger (1926–2014). Bis heute ist das Lied bei feierlichen und festlichen Anlässen präsent. Es ist im Gesangbuch der Evangelisch-reformierten Kirchen der deutschsprachigen Schweiz abgedruckt und stand einst auch als Nationalhymne zur Diskussion. Das Appenzeller Landsgemeindelied verbindet Menschen und Zeiten, macht Mut und weckt Emotionen. Im Jahr 2018 wurde die von Rudolf Lutz (*1951) im Auftrag der J. S. Bach-Stiftung St. Gallen komponierte Kantate «Alles Leben strömt aus dir» in der Kirche Trogen uraufgeführt.
Warum an diese Frau erinnern?
Caroline Rudolphi steht für viele Frauen in der Geschichte der Menschheit, deren Schaffen häufig im Hintergrund stattfand und selten kanonisiert wurde. Sie lebte in einer Ordnung, in der öffentliche politische Teilhabe für Frauen nicht möglich war. Dennoch nutzte sie Bildung, Sprache und die Pflege von Freundschaften als Räume gesellschaftlichen Wirkens.
Gerade wenn sich aktuell auf der Welt Tendenzen zeigen, die Werte wie Menschenfreundlichkeit, Zugewandtheit und Vertrauen zurückdrängen – durch Abwertung von Bildung und Wissenschaft, Einschränkung kritischer Stimmen, Verachtung von sogenannt Schwachen oder «Anderen», Moralisierung statt Argumentation und Rückzug ins Private als scheinbar unpolitischen Raum – heisst es den Mut nicht zu verlieren und dagegenzuhalten.
Caroline Rudolphi hilft dabei. Die Auseinandersetzung mit ihr erinnert daran, dass kulturelle und pädagogische Arbeit nie unpolitisch ist. Sie erinnert daran, dass der Zugang zu Bildung für alle historisch erkämpft und zunächst vorsichtig legitimiert werden musste. Sie erinnert daran, Gleichberechtigung nicht als abgeschlossenes Projekt zu betrachten, sondern als sensibles Frühwarnsystem demokratischer Gesundheit.
Auf dieser Basis wurde der Verein CAROLINE RUDOLPHI.verbindet gegründet. Er möchte ein Denkmal für die Dichterin des Landsgemeindelieds errichten und unterhalten und ihr kulturelles, pädagogisches und gesellschaftliches Wirken im Heute und Morgen weiterdenken und sichtbar machen.